Warum wir nicht alle Sportereignisse abbilden können und wollen – und zunehmend auf Ergebnisberichterstattung verzichten

Samstagvormittag, eine Sporthalle im Leipziger Norden. Es riecht leicht muffig. Dennoch liegt Spannung in der Luft. Auch wenn es keine Zuschauerränge gibt, sondern Turnbänke herhalten müssen, sind die gut belegt. Von Eltern, Geschwistern, Freundinnen und Freunden. 25 oder 30 Leute sind es insgesamt. Sie gehen mit, feuern die Jungs auf dem Parkett an. Gegenüber stehen sich zwei Hockeyteams, männliche U18. Es ist ein Derby und es geht um was, die mitteldeutsche Meisterschaft. Beide Mannschaften schenken sich nichts, kämpfen verbissen. Am Ende gibt es glückliche Sieger, eine Urkunde, einen kleinen Pokal, einen stolzen Trainer, stolze Fans. Und natürlich Enttäuschung auf der Gegenseite.

Szenen wie diese gibt es in Sachsen an jedem Wochenende zu Hunderten. Interessieren Sie sich dafür? Auch wenn Sie nicht Teil der Mannschaft oder des Vereins sind? Wenn es keines Ihrer Kinder, Enkel oder keiner Ihrer Freunde ist, der dort spielt?

Rund 4450 Sportvereine gibt es laut der Datenbank des Landessportbundes in Sachsen (400 davon in Leipzig). Sie vertreten mehr als 130 Sportarten. Die Bandbreite reicht von Aerobic über Fechten und Taekwondo bis Zumba. Sie reicht von national und international erfolgreichem Leistungs- und Spitzensport, etwa an den Olympiastützpunkten oder bei den Erstligisten beispielsweise im Fußball, Handball oder Volleyball, bis hin zum Breitensport. Es gibt Teams, die zu Heimspielen mehrere Zehntausend oder Tausend Zuschauerinnen und Zuschauer begrüßen, und solche, die vor einer Handvoll Getreuer antreten. Und jeweils jede Menge dazwischen. Sie alle machen die Sportlandschaft in Sachsen aus. Sie verbinden Menschen, helfen Gegensätze zu überwinden, tragen zur Gesunderhaltung der Protagonistinnen und Protagonisten bei. Sie alle leisten einen wertvollen und wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft.

In der Berichterstattung der LVZ sind sie jedoch nicht einmal ansatzweise in ihrer Gesamtheit vertreten. Warum ist das so, schließlich ist doch der Platz vor allem digital endlos? Kurz gesagt: Es ist die Aufgabe von Redakteurinnen und Redakteuren, eine sinnvolle Auswahl zu treffen, und nicht etwa jedes Ereignis irgendwie abzubilden.

Interessenlagen

Wie also wählen wir aus? Robert Nößler, Mitglied der LVZ-Chefredaktion, hat vor einiger Zeit schon einmal hier im Transparenzblog erklärt, dass wir unter anderem mit Nutzungsdaten arbeiten. Die ermöglichen uns, genau zu schauen, welche Texte gelesen werden und welche nicht. Daten sind natürlich nicht alles – aber in ihrer Gesamtheit doch ein verlässlicher Hinweis darauf, wofür Menschen sich innerhalb unseres Angebotes interessieren.

Die Wahrheit im Sport ist vor allem für Nicht-Fußball-Fans eine traurige. Denn Themen rund um das runde Leder räumen bei der Beantwortung der Frage, was unter den Sporttexten der LVZ gelesen wird, im Grunde alle anderen Antwortoptionen weg. Um präziser zu sein: Dies gilt in erster Linie für die Berichterstattung rund um RB Leipzig. Danach folgen – in weitem Abstand – die Regionalligisten BSG Chemie und 1. FC Lok. Würden wir also nur aufgrund der Datenlage entscheiden, würden wir uns nur mit diesen drei Clubs und dem Geschehen um sie herum beschäftigen. Das tun wir bewusst nicht. Die LVZ ist kein Fußballfachmagazin.

Traurig ist auch die Wahrheit, wenn es um die Frage geht, wer eigentlich überhaupt Sporttexte liest, ganz unabhängig von der Sportart. Sportberichterstattung ist Nischenberichterstattung. Die Zielgruppe ist klein. In der gedruckten Zeitung lesen verschiedenen Studien zufolge deutlich weniger als zehn Prozent der Abonnentinnen und Abonnenten den (Lokal-)Sportteil, trotz eines oft sehr umfangreichen Angebotes. Digital sieht das etwas anders, im Falle der LVZ, sogar deutlich besser aus.

Menschen in den Mittelpunkt

Interessant ist deshalb für uns, was denn – unabhängig von der Sportart – gelesen wird. Es sind Geschichten von und über Menschen, über Besonderheiten, über Begebenheiten, die jede oder jeden betreffen könnten, nicht nur die an einem ganz speziellen Wettkampf Beteiligten. Es sind Geschichten, die Hintergrund liefern, die erklären. Es sind Meinungsbeiträge. Es sind nicht Spielberichte, in Worte gekleidete Ergebnisse, große Zusammenfassungen, die gern mal das Geschehen eines ganzen Spieltags abbilden, mit zwei oder drei Sätzen pro Partie. Es sind auch nicht Vorberichte auf Wettkämpfe, in denen die Beteiligten versichern, alles geben und gewinnen zu wollen.

Warum ist das so? „Schuld“ sind TV, Radio, Web und soziale Netzwerke. Vor allem die beiden Letzteren spielen eine immer größere Rolle. Denn sie ermöglichen es Verbänden, Vereinen, Teams und natürlich auch den einzelnen Athletinnen und Athleten ohne große Mühe nach außen zu treten. Ganz direkt, ohne einen Mittler. Wer also wissen will, wie sein Team gespielt oder die Lieblings-Leichtathletin abgeschnitten hat, wie die Tabelle aussieht und wer Tore oder Punkte gemacht hat, wird (ganz häufig in Echtzeit) informiert. Mit diesen Informationen müssen wir als LVZ also nicht aufwarten. Genau diese Informationen liefern aber beispielsweise Spielberichte.

Was heißt das für unsere Arbeit?

Unser Motto lautet „Thema vor Anlass“. Anlass meint dabei den Wettkampf oder das Spiel. Wenn wir uns dafür entscheiden, einen Termin zu besetzen, besprechen wir vorab: Welche Geschichten könnten wir erzählen? Wen würde das Thema interessieren? Und wie können wird dafür sorgen, dass nicht nur der (kleine) Kreis sich zum Lesen entschließt, der die Spiele oder Wettkämpfe ohnehin immer besucht?

Wir verzichten – bis auf wenige Ausnahmen (RB Leipzig, BSG Chemie, 1. FC Lok, SC DHfK Handball) – auf Ergebnisberichterstattung. Keine Spielberichte, keine trockenen Ergebnismeldungen oder Vorberichte.

Geschichten brauchen Platz. Das bedeutet vor allem für die gedruckte LVZ: Wir wollen und werden nicht mehr so viele Themen unterbringen. Immer häufiger werden Texte ausschließlich digital laufen. Damit ist keine (Ent-)Wertung verbunden. Wir nutzen an dieser Stelle die Möglichkeit, auf das leicht andere Leseverhalten bei gedruckter und digitaler Ausgabe zu reagieren.

Wie sehen Sie das? Schreiben Sie mir an a.henselin-rudolph@lvz.de